7. Sprachen und Grenzräume

Doris Pack

"Das Erscheinungsbildung Europas in Geschichte und Gegenwart wird von einer Vielzahl seiner Sprachen und Kulturen geprägt. Das Zusammenspiel unterschiedlicher Sichtweisen und Ausdrucksformen hat das europäische Geistesleben in entscheidender Weise befruchtet, so daß man in der Vielsprachigkeit durchaus eine der Stärken Europas sehen kann", so definiert Professor Reiner Arentz in der Eröffnung seiner Studie über das "vielsprachige Europa" den Zusammenhang von Sprachenlernen, Sprachenpolitik und europäischer Identität.

Als Mitglied des europäischen Parlamentes und als Präsidentin des Verbandes der Volkshochschulen des Saarlandes, der im Augenblick in der Person von Herrn Dr. Mathey die Ehre hat, den Vorsitz des Sprachenrates Saar inne zu haben, möchte ich Ihnen heute – sowohl unter dem Blickwinkel einer europäischen Parlamentarierin, wie der Repräsentantin eines wichtigen Bildungsverbandes, regionalpolitische und bildungspolitische Gedanken zum Thema Sprachen und Grenzräume vortragen.

Mein Verband hatte schon im Jahr 2001 im Saarbrücker Schloß einen Kongress zu einem ähnlichen Thema durchgeführt. Damals ging es um den Zusammenhang von Partnersprachen und interkultureller Kommunikation im europäischen Grenzraum.

Unter der Beteiligung von Viviane Reding, der europäischen Kommissarin für Bildung, nahmen damals sechs Fachreferenten aus Dänemark, Belgien, Polen, der Schweiz, Frankreich und Luxemburg teil. Alle äußerten sich zu ihrer Sichtweise von Spracherwerb und europäischen Grenzraum.

Der Tagungsbericht ist im St. Ingberter Röhrig-Universitätsverlag erschienen und ich schrieb damals im Vorwort des Berichtes: "Wenn wir uns nun heute in einem großen Rahmen mit der Kultur- und Bildungsarbeit in Grenzräumen beschäftigen, so wird dies zum einen aus dem Verständnis heraus begründet, daß anderswo ähnliches geschieht und daß aus interkulturellen Vergleichen wichtige Lernerfahrungen gewonnen werden können. Zum anderen aber geschieht dies auch aus dem Bewußtsein heraus, daß die reale Vernetzung Europas sowohl ein mentaler wie ein politischer Prozeß ist, der das Erlebnis vermitteln kann, daß die Herausbildung einer europäischen Identität kein zentralstaatliches Element (mehr) ist, sondern von seinen regionalkulturellen Bezügen her bestimmt ist." So viel zu meiner damaligen Grundposition, die heute immer noch gültig ist.

 
 

Das Europa, wie es seit dem 1. Mai 2004 weiter gewachsen ist, ist eine politische Einheit mit zwanzig Amtssprachen. Dies mag an der einen oder anderen Stelle nicht sehr praktisch sein, hat aber seine Gründe im Respekt vor der Gleichberechtigung aller Mitglieder.

Die Fülle europäischer National- und Regionalsprachen ist ja nicht nur ein Verständigungsproblem Europas, sondern diese Vielfalt bildet auch den kulturellen Reichtum unseres Kontinentes ab.
Daß nicht alle Europäer diese Sprachen ganz oder nur in Teilen erlernen können, wissen die Mitglieder des Europäischen Parlamentes und weiß die Europäische Kommission auch.

Deshalb haben auch Kommission und Europarat den praktikablen Vorschlag gemacht, daß in Europa das Erlernen der Muttersprache, einer Nachbarsprache und einer Brückensprache (in der Regel des Englischen) systematisch betrieben werden soll. Stärkt das Englische die Internationalität der europäischen Bürger in Wirtschaft, Beruf, Kultur und persönlicher Kommunikation weltweit, so betont das Erlernen der Nachbarsprache (für unsere Region das Französische und das Deutsche) den besonderen bürgerschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Zusammenhang im Saar-Lor-Lux-Raum.

 
 

Solche regionalen Räume gibt es in Europa viele und mehr als ein Viertel der Menschen in der Europäischen Union wohnen in derartigen Regionen. Daß dort eine besondere Verpflichtung besteht, die Sprache des Nachbarn zu erlernen, liegt auf der Hand, wenn wir wirtschaftliche Chancen wahrnehmen und kulturelle wie persönliche Begegnungen pflegen wollen.
Für das Saarland läßt sich dabei folgendes feststellen: Trotz des zu beklagenden Rückganges des Erlernens der französischen Sprache wird in den Schulen des Saarlandes die französische Sprache immer noch stärker gepflegt und gefördert als in jedem anderen deutschen Bundesland. Prozentual gibt es hier die meisten Schülerinnen und Schüler, für die das Französische die erste Fremdsprache ist. Hier gibt es anteilig auch die meisten bilingualen Klassen. Das Saarland ist darüber hinaus nicht nur der Sitz eines Deutsch-Französischen Gymnasiums und einer Deutsch-Französischen Hochschule, auch für den Bereich für den ich hier spreche – die Volkshochschularbeit – stellt das Erlernen der französischen Sprache und die Kooperation mit französischen Partnern immer noch eine große Aufgaben und Herausforderung dar.

 
 

Bevor ich hier ins Detail gehe, lassen Sie mich noch einige grundsätzlichen Anmerkungen zum Thema Sprachen und Grenzen machen. Anders als beispielsweise der badischen oder der pfälzischen Grenzraum, wo auch bedeutende Anstrengungen für die Förderung der Nachbarsprache gemacht werden, verfügt das Saarland über eine europäisch einzigartigen Geschichte zu Nachbarn. Viermal haben die Saarländer und Saarländerinnen im 20. Jahrhundert ihre staatliche Zugehörigkeit gewechselt: Aus Reichsdeutschen wurden Völkerbunddeutsche und aus Völkerbunddeutschen Reichsdeutsche, aus Reichsdeutschen wiederum Deutsche eines von Deutschland abgetretenen halbautonomen Gebietes und schließlich 1955 wiederum Bundesrepublikaner. Hierbei hat sich wie wohl in keinem anderen deutschsprachigen Gebiet unsere Verhältnis zum Nachbarn tief gewandelt. Aus Gegnern wurden Freunde und es entstand ein tiefes europäisches Bewußtsein, das sich des Partnerschaftsgedankens bewußt ist.

Dies ist die Ausgangslage, die auch unser sprachenpolitisches Handeln bestimmt hat und die uns geprägt hat wie wenig anderes.

 
 

Doch nun lassen Sie mich auf konkrete Aspekte der Erwachsenenbildungsarbeit kommen: Die schon von mit angesprochene Forderung nach einer besonderen Förderung der europäischen Dreisprachigkeit von Muttersprache, Nachbarsprache und lingua a franca geht nicht von einem Verständnis aus, Nachbar- und Brückensprache philologisch und programmatisch exakt und fehlerfrei zu erlernen, dies würde nur Sprechängste erzeugen, die der alte Sprachunterricht der Gymnasien in Europa so stark produzierte.

Nein, vielmehr geht es darum, unter Verwendung von Motivationen und vielfältigen Impulsen immer mehr Sprechanlässe zu schaffen, mit einem Wort, das Kommunikative zu betonen. Hierbei wird im übrigen auf ein didaktisches Konzept zurück gegriffen, das von Anbeginn an maßgeblich von den Volkshochschulen präferiert und entwickelt worden ist. Dieses didaktische Verständnis ist später dann zum Nutzen der Schulpädagogik auch immer stärker von den weiterführenden Schulen aufgegriffen worden. Insofern lernte hier die Schule von den Volkhochschulen. Andererseits aber fördert das Kommunikative in der Erwachsenenbildung, das auch noch durch Elemente sozialen Lernens verstärkt wird, mit der Nachfrage von Intensität und Zertifizierbarkeit von erreichten Niveaustufen, einen Zustand, der nicht frei von Widersprüchen ist.

 
 

Für die Erwachsenenbildung heißt die doppelte Aufgabe: Elementarkommunikation zu ermöglichen und zugleich die Wege zu anspruchsvollerem, zertifizierbarem Lernen offen zu halten.
Die Verbreitung für beide Lernformen scheint in der Konzeption modularen, bausteinhaften Lernens gegeben zu sein. Deshalb kommt im Ganzen gesehen die Erwachsenenbildung und die Volkshochschule dem Anspruch der EU und des Europarates nach einer bewußten Förderung von Mehrsprachigkeit auf der Ebene von praktikablen Modellen und erreichbarer Zielsetzungen auch am besten nach.

Die Forderung von Mehrsprachigkeit erweist sich auch in der Vielfalt der zu erlernenden Sprachen in der Volkshochschule, ihrer unterschiedlichen Niveaustufen und ihrer Zertifizierbarkeit.

Seit einer Reihe von Jahren tritt das Thema einer Europäisierung von Erwachsenenbildung mit dem Ziel "Europa durch Weiterbildung zu stärken" immer stärker in den Blick bildungspolitischer Diskussion. Daß in diesem Zusammenhang das Erlernen von Sprachen zum Kern des formulierten Zieles wird, zeigte Kultusminister Schreier, der auf der oben erwähnten Tagung meines Verbandes mit dem alles erklärenden Satz begann: "Nicht Landesgrenze sondern mangelnde Sprachkenntnisse sind zukünftig die Barrieren in Europa". Betrachtet man unter diesen Prämissen beispielsweise die Forderungen im Weißbuch der EU nach einem Erwerb von zwei EU-Sprachen neben der Muttersprache oder die vergleichbare Forderung der EU-Charta für die Regional- und Minderheitssprachen von 1992, dann wird man – mit Verlaub gesagt – schnell feststellen, daß kaum eine Bildungsinstitution auf diese Forderungskataloge so gut eingestellt ist wie die Volkshochschule.

 
 

Dennoch bleiben bundesweit immer noch eine Reihe von Aufgaben bestehen, die zum Teil schon angegangen sind, in anderen Teilen aber erst noch bewußt werden müssen.

Da ist zunächst das schwierige Verhältnis von Schule und Erwachsenenbildung, das objektiv ja keineswegs als divergent zu sehen ist, sondern als ergänzend und komplementär zu betrachten ist. Diese wachsende Erkenntnis einer notwendigen Kooperation von Schule und Erwachsenenbildung ergibt sich vorbildhaft aus einer Reihe von Projekten für die unsere Region in besonderer Weise beispielhaft ist.

Hier hat sich dieser notwendige Wandel durch eine Reihe von Arbeitsvorhaben intensiviert, die die Schulen, die Volkshochschule, das Kultusministerium, die Sprachprüfungszentren wie die WBT, die Universität Cambridge oder die französische Botschaft einschließen. Um unter der Themenstellung meiner Ausführungen Ihnen - auch zur Anregung an anderer Stelle – einen Überblick über das Geschehen zu geben, will ich nun auf die zugesagten Details eingehen.

In dem Projekt "Europäisches Sprachenzertifikat an saarländischen Schulen", das von meinem Verband, der WBT und dem Kultusministerium verantwortet wird, setzen sich mit großem qualitativen Erfolg alle Beteiligten zum Ziel, Schülern mit einem mittleren Bildungsabschluß und mindestens befriedigenden Leistungen in den Fremdsprachen, gleichzeitig die Europäischen Sprachenzertifikate der WBT in Englisch und/oder Französisch anzubieten. Hierbei ist der Landes-Prüfungsrahmen für den Mittleren Bildungsabschluß mit dem Prüfungsrahmen der WBT-Prüfungen curricular so verbunden worden, daß der schriftliche Teil von der Schule und der mündliche Teil von der Volkshochschule durchgeführt werden kann. Auf diese Weise haben im letzten Jahr bereits 600 Schüler sowohl den Mittleren Bildungsabschluß wie die WBT-Zertifikate erworben, in einigen Fällen sogar in beiden Sprachen.

 
 

Damit ist für die Schüler nicht nur ihre Sprachkompetenz unter europäischer und grenzüberschreitender Perspektive gestärkt worden, sondern ihnen ist zudem ein wichtiger Sprachausweis für ihre beginnende berufliche Laufbahn bereit gestellt worden. Für den Kultusminister bedeutet dieses Projekt zudem eine wichtige objektive und externe Evaluierung von Sprachleistungsdiplomen.

Das Saarland ist damit das erste Bundesland, das eine solche Integration fremd- und partnersprachlichen Lernens zwischen Schule und Volkshochschule realisiert. Im Augenblick haben sich Hessen und Mecklenburg-Vorpommern interessiert gezeigt, dieses Modell für ihre Region zu übernehmen.

Ein anderes saarländisches Fremdsprachenprojekt aus dem Bezug Schule/Volkshochschule sind die höherwertigen Prüfungen aus dem staatlichen französischen Prüfungssystem "Delf-scolaire". Hierbei handelt es sich ebenfalls um curricular abgestimmte Französisch-Prüfungen für den Bereich Sekundarstufe I, die rechtlich vom Kultusministerium, der Französischen Botschaft und dem Volkshochschulverband vermarktet werden. Auch hier haben die jährlichen Prüfungszahlen im letzten Jahr die Zahl von fast 700 Einzelprüfungen erreicht.

 
 

Unter dem Gesichtspunkt Sprachen und Grenzräume ist aber auch das Englisch-Lernen zu fassen, denn diese Sprache ist ja im europäischen Dreisprachigkeitskonzept als Brückensprache verankert.
Das von der Universität Cambridge angebotene schülerorientierte Gesamtpaket "Young Learners-Programme" vermittelt bei unterschiedlichen Niveaustufen der Starters, Movers und Flyers ab der Klassenstufe 5 Zertifizierungsbausteine, die der VHS-Verband in Kooperation mit Schulen der Sekundarstufe I im Saarland seit sieben Jahren anbietet. Hier haben unterdessen mehr als tausend Schülerinnen und Schüler die Sprachendiplome der Universität Cambridge mit nach Hause nehmen können.

Mit all diesen Projekten wird nicht nur ein fremdsprachliches Qualifikationsniveau an den Schulen erhöht, sondern die Volkshochschulen präsentieren sich in diesem Zusammenhang auch als "Junge Volkshochschule", die Schülerinnen und Schüler auf diese Bildungsinstitution für Erwachsene hinführt.
Eine ganz andere didaktische Perspektive zeichnet sich für den Fremdsprachenunterricht in unserem Grenzraum in einer erwachsenenbezogenen Intensivierung eines "Lernens vor Ort" ab. Denn in erster Linie ist es ja das fremdsprachliche Lernen, das begegnungspädagogische Impulse wie kaum ein anderer Lernbereich benötigt. Dabei können Instrumentarien wie Städtepartnerschaften, institutionelle Partnerschaften, oder Bildungsfreistellungs-Programme nachhaltig wirken.

 
 

Politik und Wirtschaft sind sich der Erfolgsträchtigkeit solcher Instrumentarien noch immer nicht genügend bewußt. Es sind nicht nur die beschäftigungspolitischen oder beruflichen Austauschprogramme, die Sprachlernerfolge mit sich bringen, sondern nicht zuletzt sind es die konkreten Chancen, die sich durch begegnungsorientierte Bildungsarbeit in Grenzräumen ergeben.
Im Rahmen der EU lebten bis zum 30.4.2004 annähernd 20% der EU-Bevölkerung in Grenzräumen oder EU-Regionen, wie sie sich beispielweise von Nizza bis zur Nordsee hochziehen, oder die Benelux-Staaten, große Teile von Nordwestfrankreichs, einen breiten Streifen West- und Südwestdeutschlands oder nahezu ganz Österreich umfassen. Eine Karte solcher Grenzräume ist übrigens in dem eingangs erwähnten Tagungsbericht abgedruckt.

Dabei sollte die Nachbarschaft ein natürlicher Anreiz und Impuls zum Erlernen der jeweiligen Partnersprache. Und da Deutschland in der Mitte Europas allein über neun Nachbarn mit sechs Nationalsprachen verfügt, ergibt sich hier ein Fremd- und partnerschaftliches Lernpotential ungeahnten und leider immer noch zu ungenutzten Ausmaßes.

Für die praktische Arbeit Saarland jedenfalls gilt, daß diese regionale Chance in den letzten Jahren vermehrt genutzt wurde, obwohl sich die öffentlich propagierte Selbstbeschreibung noch immer von den mentalen Realitäten unterscheidet.

 
 

So bestehen für die Volkshochschularbeit zwar konkrete Kooperationen meines Verbandes mit dem französischen Volkshochschulverband oder dem Institut Européen pour l'Education Populaire in Metz, zwischen den Volkshochschulen Völklingen und Forbach, oder von einer wachsenden Kooperation der Volkshochschule des Stadtverbandes und einer entstehenden VHS in Saargemünd ist die Rede, auch Kursleiter-Austauschprogramme sind zu beobachten. Doch die Akzeptanz der Nachbarsprache und u. a. die Arbeit ihres Erlernens fällt der Mehrheit der Bevölkerung leider immer noch schwer. Vielleicht ist es bei den grenzüberschreitenden Kontakten auch leichter, in das gewohnte "Platt" auszuweichen.
Neben den individuellen Grenzen und Barrieren, die im Phlegma oder der Willenlosigkeit mancher Mitbürger liegen mögen, sind – und das wäre mein letzter Gedanke – aber auch europapolitische, administrative Grenzen feststellbar.

Zum einen betonen die europäischen Projekt-Förderprogramme von "Leonardo" oder "Sokrates" zwar stärker die internationale Kooperation, kaum aber wirklich die grenzüberschreitenden. Im Gegenteil, sucht eine Einrichtung aus dem Saarland einen Partner in Lettland und verbindet dies mit einem Träger in Portugal, dann sind die Realisierungschancen sicher größer als dann, wenn sich Partner aus Saarbrücken, Metz und Luxemburg zusammenfinden. Regionalpolitisch und grenzüberschreitend ist dies sicher nicht.

Zwar ist die großräumige europäische Identitätsbildung in Brüsseler Augen im Blick, daß aber das kleinräumige, begegnungsintensive Projekt nachhaltigere Chancen von partnersprachlicher Intensivierung hat, dafür müssen wir alle noch Überzeugungsarbeit leisten.

 
 

Sie sehen, grenzüberschreitende Spracharbeit ist nicht nur eine methodische, didaktische oder partnerschaftliche Aufgabe der Erwachsenenbildungsinstitution oder eine aus dem Bewußtsein der Menschen resultierende Verpflichtung, es ist und bleibt nicht zuletzt eine Aufgabe der Politik vor Ort, sei es hier in Saarbrücken, bei mir in Straßburg oder zuletzt in Brüssel.