1. Tradition, Identität und Zukunft - Grundfragen einer europäischen Kulturpolitik
Die Konzentration auf wirtschaftspolitische Fragen hat sehr lange die kulturellen Fundamente der Idee Europa in den Hintergrund des öffentlichen Bewusstseins treten lassen. Eine europäische Identität entsteht jedoch nicht durch das Wachstum des europäischen Marktes, sondern durch das Wachsen und das Bewusstsein gemeinsamer Werte. Europa ist mehr als die Summe der Bruttosozialprodukte seiner Staaten. Europa hat vielmehr trotz der über Jahrzehnte hinweg bestehenden politischen und militärischen Konfrontationen nie aufgehört, als einheitlicher Kulturraum zu bestehen. Ein mit sich selbst identisches Europa kann aber nicht unser Ziel sein, sondern – wie der Verfassungsvertragstext es formuliert hat – ein "... in Vielfalt geeintes Europa, das sein Schicksal gestaltet..."Die Europäische Union ist letztlich das Ergebnis eines historischen Lernprozesses. Die veränderte politische Situation und die Rückkehr der östlichen Mitte Europas führt auch dazu, die kulturelle Dimension des europäischen Einigungswerkes wieder deutlicher herauszustellen. Die Überzeugung wächst, dass die politische, wirtschaftliche und soziale Einigung Europas keinen dauerhaften Erfolg haben wird, wenn sich Europa nicht als Kulturgemeinschaft begreift. Das Bewusstsein für die kulturelle Dimension müsse geschärft werden, heißt es jetzt allerorten in den "Europa-Reden", bei allen Unterschieden zwischen den Staaten und Nationen, deren Vielfalt das Charakteristische ihrer Einheit sei. In seiner Rede auf der Frankfurter Buchmesse des Jahres 1993 kam der damalige EG-Kommissionspräsident Delors auf diesen Sachverhalt zu sprechen, wenn er meinte, dass "ohne Engagement der Intellektuellen und der Kulturschaffenden... Europa nicht weiter (kommt)....Wir brauchen neue Ideen, denn das künftige politische Europa muss ein völlig neues Gesicht erhalten, muss erdacht werden." Die Kultur ist somit zu einem politischen, europäischen Anliegen geworden: Die Wiedervereinigung Europas mit den Ländern Mittel-, Ost- und bald ganz Südosteuropas war und ist eine gemeinsame europäische Aufgabe und vor dem Hintergrund gemeinsamer Werte. "Nichts ist so stark wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist", sagte Lincoln. Die Zeit der europäischen Kultur ist gekommen. Nicht zufällig enthält deshalb auch der Maastrichter Vertrag eine "Kulturklausel", die der Europäischen Union die Entwicklung kulturpolitischer Initiativen zur Aufgabe macht und zugleich deren Rahmen absteckt. Nachdem wir jahrzehntelang aufgrund fehlender Rechtsgrundlagen in den Römischen Verträgen im kulturpolitischen Nichts herumstochern mussten, war dies eine notwendige Kehrtwendung im Hinblick auf die Einordnung einer Kulturpolitik in Europa.
Für mich bemerkenswert ist die Tatsache, dass die Erwartungshaltung hinsichtlich der Einflussmöglichkeiten der Kultur enorm gestiegen ist. Jetzt plötzlich versucht man der Kulturpolitik aufzubürden, was die europäische Wirtschaftspolitik bislang noch nicht erbracht hat, nämlich ein lebendiges europäisches Zusammengehörigkeitsgefühl der Bürger in der Europäischen Union zu schaffen.
Es wäre eine realitätsferne Erwartung, sich von Bemühungen um die Vergegenwärtigung der Einheit europäischer Kultur die Erweckung einer europäischen Bürgerinitiative für die politische Einigung Europas zu erhoffen. Es hieße, den Sinn einer künftigen europäischen Kulturpolitik zu überfrachten, wenn man der Kulturpolitik abverlangte, was der Industrie-, der Agrar- und der Wirtschaftspolitik bislang nur mangelhaft gelungen ist, nämlich die Identität Europas auch politisch erfahrbar zu machen.
Was sind die Besonderheiten der europäischen Kultur im Unterschied etwa zur Kultur Amerikas oder Afrikas, was ist das spezifisch Europäische?
Zunächst einmal ist Europa kein Schmelztiegel nach amerikanischem Muster. Jedes seiner Bestandteile besitzt eine eigene Geschichte, eigene Kultur und eigene Sprache, kurzum eine eigene Identität. Die europäische Kultur hat ein eindeutiges Merkmal: Sie verbindet Einheit und Vielfalt, Eigenheit und Offenheit in einem oft spannungsreichen, aber überaus fruchtbaren Verhältnis miteinander. Pluralität ist also Merkmal und Aushängeschild zugleich für die Kultur Europas; sie ist darüber hinaus gekennzeichnet durch Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, Philosophie, Religion und humanistischer Anthropologie. Die Grundrechtecharta ist ein wertepolitischer Durchbruch und ein Meilenstein in der Integration Europas als Wertegemeinschaft. Soviel Übereinstimmung in einer globalistischen Welt gab es noch nie, und das vor dem Hintergrund einer konfliktbeladenen, von blutigen Kriegen, Erbfeindschaft und religiösen Spaltungen geprägten Geschichte. Die Stärke der europäischen Kultur liegt begründet in ihrer Differenzierung: Es ist nicht das typisch Europäische, das überall in der Welt Anerkennung und Bewunderung findet, es ist die Vielfalt dessen, was Europa in seiner nationalen und regionalen Kultur hervorgebracht hat: In der Musik, in der Kunst, in der Literatur, in seinen Sprachen.Andererseits liegt die Stärke der europäischen Kultur aber auch begründet in ihrer Integrationsfähigkeit: Sprache und Kultur beschränken sich nämlich sehr häufig nicht auf eine Gruppe oder ein geographisches Gebiet. Darum ist es schwierig, den Begriff der "europäischen Kultur" unverwechselbar mit einer geographischen, historischen, politischen, religiösen oder kulturellen Gegebenheit – "Europa" genannt – in Verbindung zu bringen.Europa ist vielmehr eine multikulturelle Realität, mit etwa einem halben Hundert mehr oder weniger elitären Kulturen in beinahe ebenso vielen Sprachen, die verstreut sind über einen halben Kontinent, mit schwer definierbaren Grenzen, unterschiedlichen historischen Erfahrungen, die sich höchst selten mit denen der Nachbarn decken.Um daraus einen Schluss zu ziehen: Es gibt keine dezidierte europäische Kultur, es gibt Kultur in Europa. Erst Kultur, die die Europäer untereinander und Europa mit dem Rest der Welt verbindet, verdient es, europäisch genannt zu werden.Von diesem Punkt aus kann man vielleicht eine kulturpolitische Perspektive für Europa entwickeln. Was will und darf aber eine solche Politik nicht?Eine solche Politik will kein Verschmelzen dieser Kulturen, dieser kostbaren Identitäten, dieser reichen sprachlichen, historischen und nationalen Unterschiede zu einem europäischen Frankensteinschen Monster.Eine solche Politik will keine Harmonisierung nationaler und regionaler kultureller Besonderheiten. Europäische Kulturpolitik hat sich vielmehr als Politik im Rahmen der Europäischen Union strikt am Grundsatz der Subsidiarität zu orientieren und damit im Rahmen des europäischen Kulturföderalismus zu halten. Insofern geht es darum, die Ausdrucksmöglichkeiten aller Identitäten zu fördern und durch gegenseitiges Verstehen und Respektieren für Annäherung zu sorgen. Europa und seine Institutionen sollten die konstante Entwicklung der europäischen Regionalkulturen stimulieren und stützen in einer Welt der Marktwirtschaft; "kleine" Kulturen dürfen nicht verdrängt, dürfen nicht wirtschaftlich dominiert werden.Gleichzeitig geht es aber auch darum, übergreifende Strukturen zu schaffen und zu fördern, die eine europäische Kultur in größerem Umfang ermöglichen. Deshalb muss europäische Kulturpolitik aus sich heraus integrierend sein, Bezüge herstellen und europäischer Kultur ermöglichen, nach außen zu wirken.Europäische Kultur muss in ihrer Ausstrahlung etwas von der spezifischen Entstehungssituation vermitteln, wie sie nur in Europa anzutreffen ist. Oder, um es mit Thomas Mann zu formulieren: Europa, das ist "das Gegenteil der provinziellen Enge, des bornierten Egoismus, der nationalistischen Rohheit und Unbildung".Die Kulturpolitik der Europäischen Union hat insofern die Aufgabe zu helfen, dass Europas Kultur in ihren Tendenzen und Geltungsansprüchen weit über die Grenzen der Union hinausreichen kann.D.h. konkret: Je rascher und umfassender die wissenschaftlich-technische Zivilisation uns europaweit und weltweit miteinander verbindet und unsere Lebensverhältnisse aneinander angleicht, desto nötiger bleibt die Sicherung unserer nationalen und regionalen Herkunftsprägungen, die die europäische Kultur eine Kultur der Vielfalt, des Reichtums und der Fülle sein lassen. Je lebendiger wir in den europäischen Regionen unsere besonderen Herkunftskulturen zu bewahren wissen, desto sichtbarer müssen wir zugleich auch die Einheit der europäischen Kultur halten: die Herkunftseinheit unserer religiösen und moralischen Kultur, unserer Rechtskultur, unserer Literatur und Kunst, in der wir uns über alle nationalen und regionalen Grenzen hinweg wieder zu erkennen vermögen. Erst mit dem Kulturartikel im Maastrichter Vertrag wurde endlich vieles von dem, was zuvor als für die europäische Kulturpolitik wünschenswert beschrieben wurde, ermöglicht. Die Kommission hat nun als Hüterin der Verträge die Verpflichtung, die Kulturverträglichkeit europäischer Maßnahmen zu prüfen.Daraus ergibt sich für die Kulturpolitik eine globale Dimension und damit eine umfassende Bedeutung in der Union. Dies ist besonders wichtig zur Wahrung des gemeinsamen kulturellen Erbes in Europa.Ein weiterer Schwerpunkt ermöglicht die Förderung der Zusammenarbeit mit Drittländern, den internationalen Organisationen und insbesondere mit dem Europarat, der eine viel umfassendere kulturelle Tradition und Erfahrung als die EG/EU hat, und der bisher der einzige Ort war, wo Kulturarbeit über Grenzen hinweg geleistet worden ist.Die neue Zusammenarbeit auf diesem Sektor kann deshalb nur von Vorteil sein.Unstrittiger Konsens zwischen den Mitgliedstaaten, dem Ministerrat, der Kommission und dem EP ist, dass die vielfältigen Kulturen der Regionen verstärkt in den Rahmen kulturpolitischer Aktivitäten der EU einbezogen werden, wobei sämtliche Regionen unabhängig von ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit und Dominanz gleichberechtigte Partner sein müssen.Entsprechend dieser Vorgabe unterhält die EU weder eigene Institutionen, noch ersetzt sie die Kulturförderung der Nationen, Regionen, Städte und Mäzenen. Es geht also nicht darum, auf nationale Ministerien bzw. regionale Institutionen noch eine Institution mit entsprechenden Fachabteilungen aufzupfropfen. Der Ansatz der EU ist ein anderer: Sie ersetzt nicht, sie ergänzt bestehende Kulturförderung um die europäische Dimension. Dies geschieht z. B. durch die Förderung von Denkmälern mit europäischer Bedeutung, angefangen von der Akropolis über die Athos-Klöster, dem Wiederaufbau der Lissabonner Altstadt bis zum Erhalt barocker Gartenarchitektur. Auch die jährliche Wahl einer KULTURHAUPTSTADT Europas trägt zur Erkennbarkeit der großen Vielfalt der europäischen Kultur bei.Hinzu kommt die Förderung europaweiter Zusammenarbeit zwischen kulturellen Institutionen, Künstlerinnen und Künstlern sowie Kulturveranstaltern. Zu erwähnen sind außerdem Stipendien für junge Kulturschaffende, die an Einrichtungen außerhalb ihres Heimatlandes einen Studien- oder Arbeitsaufenthalt verbringen. Heute ermöglicht das Programm KULTUR Mobilität in Europa, es hilft aber auch in einer globalen, dynamisch sich verändernden Welt Selbstbewusstsein und Heimat zu entwickeln und zu vermitteln. Die vielfältigen nationalen Kulturen in europäischer Einheit, das muss auf allen Ebenen – Stadt, Region, Land und Europa – gedacht, organisiert, gelebt und geübt werden. Die Europäische Union kann darin Vorbild sein für andere Weltregionen – die ASEAN-Staaten, die Arabische Union, die Afrikanische Union, die NAFTA – sie alle orientieren sich bei der Entwicklung ihrer supranationalen Strukturen am bisher einzigen existierenden und funktionierenden Vorbild, der Europäischen Union. Die Methodologie der EU unterstützt gleichsam die künstlerischen Sparten, sie heißt Austausch, Kooperation, Erfahrungserweiterung, Begegnung der Kulturen in Europa. Und das heißt immer auch: Begegnung der Menschen.
Europas Chance in den nächsten Jahren besteht nicht in sozio-kultureller Einheit und Homogenität, sondern in der Ermöglichung von kultureller Vielfalt. Folglich muss eine europäische Kulturpolitik – will sie erfolgreich sein – auf die kulturellen Entwicklungen in der modernen Industriegesellschaft und auf die kulturpolitischen Herausforderungen des europäischen Einigungsprozesses eine pragmatische Antwort finden.
Vor allem ist die kulturelle Dimension des Audiovisuellen von großer Tragweite, so dass wir sorgfältig darauf achten müssen, dass nicht der reine Wettbewerb und die Einschaltquotenmaximierung allein bestimmend werden. Viel mehr Geld als in die vorher genannten traditionellen Bereiche der Kunst fließt in diesen Sektor. Das MEDIA Programm der EU fördert z. B. die Fortbildung der in der audiovisuellen Programmindustrie Beschäftigten. Es unterstützt ferner die Projektentwicklung europäischer audiovisueller Werke.
Die UNESCO Konvention zum Schutz und zur Förderung der kulturellen Ausdrucksformen wurden von der EU als Ganzes unterstützt. Damit öffnet sich ein neues internationales Feld, wo sich die europäische Kulturpolitik beweisen kann.
Die eigentliche Herausforderung der Kulturpolitik auf europäischer Ebene muss aber die kognitive und emotionale Sicherung von Pluralität, Toleranz, Freiheit und Demokratie sein. Dies ist der Kernbereich von politischer, historischer und kultureller Bildung, deren Bedeutung nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.
Wir alle leben von der Vision einer besseren, einer friedlichen Welt. Kultur kann in vielfältiger Weise dazu dienen, dieser Vision Gestalt und Form zu geben, ihr "künstlerisch" Ausdruck zu verleihen.
Eine europäische Kulturpolitik muss im emphatischen Sinne Netze knüpfen, die die abstrakt konsentierte Wertegemeinschaft mit Leben erfüllen und ins tägliche Leben integrieren, die das Miteinander pflegen und den Dialog organisieren. Hier sind die Institutionen der EU, der Mitgliedstaaten, der Regionen, der Städte und der Zivilgemeinschaften in die Pflicht zu nehmen.
Allen Kulturkritikern sei noch folgendes gesagt: Es ist wahr, mit Kultur stößt man an, denn sie hat Ecken und Kanten. Kultur arbeitet Vergangenheit auf, schreibt Gegenwart nieder, gibt Sehnsüchten Ausdruck. Das ist nicht immer angenehm und ruft bei Betroffenen Kritik hervor. Aber: Ohne Kultur lebt es sich vielleicht leichter, gemütlicher, problemloser - aber auch viel, viel ärmer!